01.12.2018

Es wird ungemütlicher

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Prof. Dr. Mario Jung, Mario Jung Economic Research, Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsethik an der Hochschule Kaiserslautern.

Die Aussichten für die Weltwirtschaft haben sich in den letzten Monaten eingetrübt. Mit einigen der gravierendsten Unsicherheitsfaktoren sehen sich die globale Wirtschaft wie die Exportnation Deutschland schon länger konfrontiert. So haben wir uns bereits seit fast zwei Jahren mit der wenig verlässlichen Politik des US-Präsidenten Trump auseinanderzusetzen, ebenso mit dem bevorstehenden Brexit. Zudem wird seit der geldpolitischen Wende in den USA über die Konsequenzen einer dosierten Rückführung der ultra-expansiven Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken diskutiert. Hinzu gekommen sind am Jahresende mit dem europäisch-italienischen Budgetstreit wieder Sorgen um den Zusammenhalt der Währungsunion. Und die Anfälligkeiten von Schwellen- und Entwicklungsländern sind wieder stärker in den Fokus geraten. Das Wachstumstempo der Weltwirtschaft dürfte trotz dieser Risiken auch im neuen Jahr ziemlich stabil bleiben. Für ein steuerndes Management von Länderrisiken wird im neuen Jahr allerdings wieder ein genauerer und differenzierterer Blick nötig sein, denn der makroökonomische Anpassungsdruck wird vor allem auf die Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer stärker werden. Aber auch unter den Industrieländern könnten wieder aufflammende politische Turbulenzen die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern. Als „sicherster Hafen“ kommt unter diesen Umständen fast nur die USA in Betracht. Gegenwind vom außenwirtschaftlichen Umfeld wird zwar auch die deutsche Wirtschaft erfahren. Allerdings bleibt die Binnennachfrage der Stabilitätsanker für ein erneut solides Wachstum.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seinem jüngsten Ausblick für die Weltwirtschaft seine Wachstumsprojektionen leicht nach unten genommen und verstärkt Abwärtsrisiken betont. Dennoch sieht er für das kommende Jahr das Wachstumstempo das dritte Jahr in Folge bei 3,7 Prozent. Dies heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass die Entwicklungen in den einzelnen Ländern so synchron laufen wie bis ins Jahr 2018 hinein. In Ländern wie den USA oder Deutschland, die sich fast schon im Daueraufschwung befinden, dämpfen Kapazitätsengpässe und die Reife des Konjunkturzyklus fast schon „naturgesetzlich“ die Wachstumsphantasie. Ins Blickfeld werden wieder stärker länderspezifische Gegebenheiten in einzelnen Schwellen- und Entwicklungsländern geraten, die schnell in makroökonomische Turbulenzen abgleiten können. Und der Trend abrupter Veränderungen politischer Rahmenbedingungen, die lange Zeit stabil waren, dürfte durch Trump und Co. im kommenden Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fortsetzung sehen.

Welthandel kommt nächstes Jahr (noch) stärker unter Druck!

Das Jahr 2018 hat einen neuen Höhepunkt des Protektionismus erlebt: Denn nach Daten von Global Trade Alert ist die Anzahl neuer protektionistischer Maßnahmen weltweit von knapp 500 im Jahre 2017 um mehr als 50 Prozent auf über 900 nach oben geschossen. Dem gegenüber stehen nur gut 300 Maßnahmen, die die globalen Handelsströme liberalisiert haben. Unangefochtener Spitzenreiter des Protektionismus sind die USA unter Trump und seiner Administration. Fast jede fünfte der implementierten restriktiven Maßnahmen kommt aus dem Land, welches ehemals einer der stärksten Befürworter freier Märkte war. Am stärksten betroffenen von neuen protektionistischen Maßnahmen sind laut Global Trade Alert die beiden Hauptprotagonisten des Handelskriegs – USA sowie China – und unsere heimische deutsche Wirtschaft. Diese durchschlagenden Veränderungen auf dem internationalen wirtschaftspolitischen Parkett bringen weiteren Sand ins Getriebe der Handelsströme und werden im kommenden Jahr noch stärker ihre Wirkung im Zahlenwerk für Welthandel und das globale Wachstum entfalten. Es ist selbst ohne weitere Maßnahmen im „Handelskrieg“ demnach davon auszugehen, dass die Dynamik des Welthandels im neuen Jahr weiter nachlassen wird: auf nur noch 4 Prozent. Schon 2018 sind deutliche Bremsspuren zu sehen: Denn nach einer Wiederbelebung des Welthandels im Jahre 2017 (+5,2 Prozent) dürfte das Welthandelsvolumen in diesem Jahr nur noch um 4,2 Prozent zugelegt haben.

Weniger synchrone Wirtschaftsentwicklung in 2019

Im neuen Jahr werden wieder stärker individuelle Risikodispositionen in der Länderrisikoanalyse in den Fokus geraten. Vor allem in der Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer werden sich wieder stärker „Spreu und Weizen“ voneinander trennen. Einen Vorgeschmack darauf haben bereits 2018 die Beispiele Argentinien und Türkei gegeben. Aber auch der Iran könnte mit der Rückabwicklung der internationalen Vereinbarungen durch die USA in makroökonomische Schwierigkeiten geraten. Grundsätzlich wird der Druck auf diejenigen Schwellen- und Entwicklungsländer zunehmen, die stark in Fremdwährung verschuldet sind und große Defizite in der Leistungsbilanz aufweisen. Anfällig sind auch Schwellen- und Entwicklungsländer mit einer starken Abhängigkeit vom Export. Ein toxisches Gemisch aus protektionistischen Tendenzen und einem eingetrübten Weltwirtschaftsklima kann hier beispielsweise für Volkswirtschaften im asiatischen Raum zu großen Problemen führen. Hinzu kommt, dass die Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik im vollen Gange ist. Damit verbunden sind zunehmende Gefahren, dass Kapitalflüsse in Schwellen- und Entwicklungsländer versiegen könnten oder es sogar zur Umkehr von Kapitalströmen kommen könnte. Damit können auch Währungsturbulenzen und Zahlungsbilanzkrisen ausgelöst werden, die schließlich weitere Hilfsprogramme durch den Währungsfonds notwendig machen. Für die Gruppe der Industrieländer sind es nach wie vor die politischen Unsicherheiten, die sich in abrupten makroökonomischen Risiken manifestieren können. So sind trotz der deutlich verbesserten Rahmenbedingungen in der Währungsunion mögliche Ansteckungseffekte an den Märkten und im Bankensystem nach wie vor nicht von vornherein auszuschließen.

Deutsche Wirtschaft ist mit ungemütlicherem Umfeld konfrontiert

Die deutsche Wirtschaft wird auch im neuen Jahr ihre Wachstumsgeschichte fortsetzen und geht damit in das sage und schreibe zehnte Jahr des Aufschwungs. Letztmals konnte ein solch extrem langer Aufschwung zwischen 1983 und 1992 realisiert werden und wurde nur durch die Zeiten des „Deutschen Wirtschaftswunders“ übertroffen. Doch mit der ungemütlichen weltwirtschaftlichen Großwetterlage wird sich das Wachstumstempo im neuen Jahr weiter einbremsen und daher „nur“ noch bei rund 1,5 Prozent liegen. Von der erfolgsverwöhnten deutschen Exportindustrie werden kleinere Wachstumsbeiträge kommen. Aufgrund der starken inländischen Nachfrage werden auch die Importe wieder stärker anziehen, sodass vom Außenbeitrag erneut dämpfende Impulse für das Bruttoinlandsprodukt kommen werden. Zugute kommt der deutschen Wirtschaft, dass das Wachstumsmodell in den zurückliegenden Jahren deutlich ausbalancierter geworden ist. Denn die starke Binnennachfrage wird auch im neuen Jahr als wichtigster Risikopuffer gegen Unbill von außen dienen. Die erhöhte Unsicherheit im außenwirtschaftlichen Umfeld wird sich allerdings auch in einer nur mäßigen Investitionsdynamik zeigen. Von der Bundesregierung sind zur Anregung des Investitionsklimas auch keine neuen Impulse zu erwarten. Vielmehr dürfte sich der wirtschaftspolitische Stillstand der Bundesregierung fortsetzen.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Kooperationsveranstaltung des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V., Sektion Ulm-Alb und der IHK Ostwürttemberg am 21. November 2018 zog Prof. Dr. Mario Jung (Mitte) in seinem Vortrag eine Bilanz für das Jahr 2018 und gab einen breiten Ausblick auf das neue Jahr. Mit im Bild Markus Schmid, Leiter des IHK-Geschäftsfelds Existenzgründung und Unternehmensförderung (l.) und Norbert Sorg, Vorstand der Sektion Ulm-Alb.

Fotos Coface/APA-Fotoservice/Preiss



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